Crefelder Ruder-Club 1883 e.V.

CRC-Herren-Ruder-Tour 2009 auf dem Main

14. Dezember 2009
oder: von Pangasius und Sushi bis Steffi und Caipirinha


Impressionen eines recycelten CRC-Ruder-Novizen

Aus Sicht des Chronisten war die Rudertour sehr gut. Summa summarum in jeder Hinsicht. Auch noch bei retrospektiver Betrachtung. Zunächst aber war sie vor allem gut vorbereitet. In langjährig bewährter Weise organisiert vom Bestimmer, also von Detlef Noell. Was ein Bestimmer ist, erfuhren die 36 männlichen Ruderrecken im Alter von 35 bis 86 Jahren wenige Tage vor Beginn der Fahrt per E-Mail-Botschaft. Eine launige Großvater-Enkelsohn-Gesprächssentenz. Und wer ihn kennt, erkennt: phänotypischer Humor von Nicki M-H. Der Originalität wegen und zur Einstimmung sei es erlaubt, an dieser Stelle die Botschaft im Original zu zitieren.

Lieber Detlef, liebe Ruderfreunde, im Vorfeld zu der kommenden Rudertour auf dem Main eine kleine, aber wahre Geschichte: Vorgestern erklärte ich meinem 4jährigen Enkel Paul, dass ich auf Rudertour gehen würde, worauf er mich fragte, was das sei. Ich holte daraufhin den wunderbaren Bildband von Christian Noell und wir betrachteten eingehend die diversen Photos. Als sein Finger auf ein Bild mit Detlef zeigte, erklärte ich ihm, dass dies unser Fahrtenleiter sei. Darauf entwickelte sich folgender Dialog, den ich Euch nicht vorenthalten möchte:
"Opaniki, was macht ein Fahrtenleiter?" "Ach Paul, schwieriger Job. Der kümmert sich um die Organisation, bucht Bus, diverse Lokale und Hotelzimmer. Und für uns Ruderer ist es das Spannendste, dass er jeden Tag morgens festlegt, wer mit wem in einem Boot sitzen soll." Kurzes Zögern, aber dann: "Das ist also der BESTIMMER!" Dem stimmte ich zu. Weiter ging es mit dem Betrachten der Bilder und Paul stellte fest, dass häufig vor uns Ruderern ein gefülltes Glas Bier stand. "Opaniki, darf der BESTIMMER auch bestimmen, wann ihr Bier trinken dürft?" "Ja, Paul, der BESTIMMER organisiert auch unsere Pausen, wo wir dann auch Bier trinken können." "Opaniki, kann der BESTIMMER euch auch verbieten Bier zu trinken?" "Lieber Paul, ganz schwierige Frage. Aber unser BESTIMMER ist klug genug, genau das uns nicht zu verbieten." Kommentar von Paul: "Dann habt ihr einen lieben BESTIMMER!" Dem stimmte ich auch zu. In diesem Sinne und in der Hoffnung, dass wir weiterhin einen "lieben BESTIMMER" haben werden und mit grossem Dank an Detlef für die Organisation jetzt und auch in den vielen vergangenen Jahren! Euer Niki

Die Anreise der diversen Ruderer-Teilmengen erfolgte am Mittwochabend, dem Vorabend von Christi Himmelfahrt, auf unterschiedlichen Wegen, jedoch für Alle mit demselben Ziel: das Hotel "Der Goldene Karpfen" auf der Löherstraße in Aschaffenburg am Main. Dieses Hotel sollte unser Stammquartier für die kommenden vier Abende und Nächte inklusive Frühstück und Abendessen sein. Übernachtet wurde in unterschiedlichen, bereits vor Abreise verabredeten Paarungen entweder (allein) in Einzel- oder Doppelzimmern. Die Zimmerbelegungen waren möglicherweise orientiert an Sympathiewerten der jeweiligen Zimmerkameraden, am individuellen Gefühlsbedarf für Distanz und Nähe und nicht zuletzt am nächtlichen tiefschlafabhängigen Atemgeräusch todmüder Ruderer. Die morgendlichen Frühstücksgespräche handelten in aller Regel vom straßenverkehrbedingten Geräuschpegel, der vor allem im "Wilden Mann" die Zeit der Nachtruhe in den frühen Morgenstunden verkürzte. Dieser alte Gebäudeteil liegt nämlich unmittelbar am rechtsmainischen Fuß der 1965 erbauten Willigisbrücke, benannt nach Bischof Willigis, über die eine nicht verkehrsberuhigte Straße hinüber ins Linksmainische führt. Nichtsdestotrotz war die morgendliche Stimmung bei gut und ausreichend portioniertem Frühstücksbuffet heiter bis gelassen. Details der Nächte wurden nicht näher bekannt. Und wenn, bleiben sie an dieser Stelle geflissentlich unerwähnt - aus Mangel an öffentlichem Interesse.

Aschaffenburg als Standquartier
"Der Goldene Karpfen" in Aschaffenburg bildet zusammen mit dem "Wilden Mann" eines der Eingangstore nach Aschaffenburg im Südwesten. Die zwei Fachwerkhäuser in der Löherstraße gehören schon zum Urgestein Aschaffenburgs und sind somit auch definitiv Material für die Kategorie "Zeitzeugen". Der Goldene Karpfen in Aschaffenburg gehört zu den schönsten Fachwerkhäusern der Stadt. Gastwirtschaftsbetrieb findet hier schon seit 1602 ununterbrochen statt. Damit ist es der älteste erhaltene Gastronomiebetrieb in Aschaffenburg. Traurige Höhepunkte sind die Hexenverbrennung einer Wirtin 1611. Zu den typischen Hausgetränken zählt neben Weinen vom Main und heimischen Bieren der "bekannte" Äscheberscher Äppelwoi als "die älteste Versuchung seit dem Paradies!" - soweit das hauseigene Zitat.

Aschaffenburg ist lebens- und liebenswert! Diesem Slogan der gastgebenden Stadt konnten die nieder-rheinischen Ruderer zumindest in ernährungs- und getränkeaufnahmetechnischer Hinsicht Einiges abgewinnen. Dazu später mehr im Detail.

Eine Rudertour findet bekanntlich die meiste Zeit auf dem Wasser statt. Abgesehen von unterschiedlich pointierten Primärinteressen der einzelnen Fahrtteilnehmer fehlt bei kurzzeitigen Herrenrudertouren tagsüber nicht selten die Zeit für Land, Kultur und Leute. Daher sei an dieser Stelle, quasi als Nachlese, kurz erwähnt, was Aschaffenburg neben Ruderergesprächen bei geselligen Abenden sonst noch zu bieten gehabt hätte oder hätte haben können. Denn bekanntlich kann der, der eine Reise tut, was erzählen. - Einst stolze Zweitresidenz der Mainzer Erzbischöfe und Kurfürsten, über dem Mainbogen am Fuße des Spessarts gelegen, erfreut sich Aschaffenburg eines angenehmen milden Klimas. Ludwig I. nannte es deshalb vor über 150 Jahren liebevoll sein 'Bayerisches Nizza'. Aschaffenburg zählt rund 69.000 Einwohner und liegt im Regierungsbezirk Unterfranken im Freistaat Bayern. Eindrucksvolle historische Bauten, Denkmäler und Museen legen Zeugnis über die geschichtliche Bedeutung Aschaffenburgs ab (z.B. das Renaissanceschloss Johannisburg und die Stiftskirche). Viele Weinlokale zeigen, dass sich diese Stadt über eine wechselvolle Geschichte hinweg ihr eigenes sympathisches und lebensfrohes Flair bewahrt hat. Und ebendieses lebensfrohe Flair kam dem unermüdlichen Teil der Ruderer zwecks spätabendlicher Programmgestaltung sehr entgegen - denn tagsüber hatten wir für diese kulturellen Kleinode keine Zeit.


Der eigentliche Zweck der Reise: die Rudertour

Wir ruderten auf dem sogenannten Untermain, der sich von Miltenberg bis zur Mündung erstreckt. Als bedeutendster Nebenfluß des Rheins ist der Main seit altersher ein viel befahrener Schiffahrtsweg, ein Umstand, der uns Ruderern ein mühevolles Umtragen der Boote an sämtlichen neun Schleusen ersparte, konnten wir doch jeweils ohne große Zeitverluste mit der Großschiffahrt schleusen. Laut Handbuch für Wanderruderer sollte man der geringen Strömung und der Schleusen wegen Tagesetappen von maximal 30-40 km einplanen. Nur so sei eine "genussreiche Wanderfahrt" gewährleistet. Der Bestimmer muß diese Passage des Handbuches gelesen haben, denn die Fahrt war genussreich - in ruderischer und kulinarischer Hinsicht.

Gerudert wurde mit 8 Booten vom 2er mit über den 3er ohne bis hin zum 4er mit. Zu den bestgehütetsten Geheimnissen der Tour zählt die Zusammenstellung der täglich wechselnden Bootsbesatzungen. Diese wurden in bewährter Weise erst kurz vor dem Zuwasserlassen der Boote vom Bestimmer bekanntgegeben. Während der vier Rudertage verlief das Zusammenleben auf und neben dem Wasser sehr harmonisch. Ausfälle waren nicht zu verzeichnen. Lediglich eine tiefe Schnittwunde im rechten Unterarm des ältesten Fahrtenteilnehmers musste lazarettärztlich versorgt werden. Dank heilkundlich erfahrener Fahrtenteilnehmer erreichte die gesamte Ruderergemeinschaft am Ende der Reise Frankfurt. Die Tour führte in vier Etappen über insgesamt 110 km mit 9 Schleusen ganz gemütlich bei schönem Wetter von Dorfprozelten bis zum Frankfurter RV "Freiweg". Bis auf einen kurzen halbstündigen Nieselschauer zu Beginn des ersten Rudertages während des Booteabladens hatten wir den Wettergott als himmlichen Freund über uns. Wir hatten bestes Rudererwetter mit Sonne, leicht aufgelockerter Bewölkung und hin und wieder angenehm abkühlendem Wind ohne Windjackenpflicht.

Die täglichen wiederkehrenden ruderischen Rituale bedürfen keiner detaillierten Schilderung: Bootsbesatzung zusammenstellen, Boote zu Wasser lassen, Losfahren und Zusammenbleiben, damit gemeinsames Schleusen gewährleistet ist, gemeinsam verlebte Mittagspausen und Erreichen des jeweiligen Tagesziels mit der Gesamtgruppe zwecks gemeinsamem Rücktransport per Bus. Doch über einzelne pararuderische Details sei hier berichtet. Der Chronist ist nicht gänzlich Rudertour unerfahren. Doch nach mehrjähriger Fahrtenpause war er zutiefst beeindruckt vom Erfindungsreichtum einzelner Ruderer hinsichtlich der logistischen Perfektion zur körpernahen und den Ruderablauf nicht störenden Getränkeaufbewahrung. Denn der Ruderer an und für sich hat ja häufig, wenn nicht nahezu andauernd Durst. Lagen früher die Getränke neben dem Bodenbrett im Bilgenwasser oder vor dem Stemmbrett, so musste zur Getränkeaufnahme "Ruder halt !" kommandiert werden. Heutzutage hängen maßgerecht getischlerte hölzerne Innenborde mit Einlässen verschiedener Durchmesser zur Aufnahme von diversen Trinkgefäßen in Reichweite des Ruderers. Trinken ist auf diese Weise auch während der Ruderbewegung möglich geworden. Auch das Ritual, mit der Aufnahme geringprozentig alkoholdurchsetzter Getränke erst zur Stunde der Mönche zu beginnen, wurde mit der Präzision einer schweizerischen Markenuhr eingehalten. Wiewohl mitunter der Eindruck entstand, dass der ein oder andere die Stunde herbeigesehnt hat. Bekanntlich macht ja die Dosis das Gift. Vergiftet hat sich jedoch keiner der Ruderer. Alles hielt sich im Rahmen und war dem Zweck entsprechend maßvoll. Der genussvollen Kombination von Rudersport und Ernährung ist der folgende Abschnitt des Reiseberichts gewidmet. Denn der weitblickende Bestimmer hatte für jeden Tag eine Mittagspause eingeplant. Um einen zügigen Ablauf bei der Fütterung der hungrigen Ruderrecken zu gewährleisten, war bereits jedem Fahrtenteilnehmer am Abend des Ankunftstages eine Mittagspausen-Speisekarte mit einer Auswahl diverser kräftiger, herzhafter oder auch gesunder (z.B. Salat) Speisen ausgehändigt worden. Die jeweiligen Mittagspausenwirte konnten sich auf diese Weise bereits vor der Ankunft logistisch auf die Abfütterung vorbereiten. Bemerkenswert war für den Chronisten, wie viele der Ruderer sich fast übereinstimmend für später beschriebene Speisendetails entschieden. Und zwar nicht allein des guten Geschmacks wegen, sondern weil es etwas gab, "was man zuhause gar nicht bekommen würde, weil es zu deftig sei und ungesund" (Originalzitat). Hier zeigte sich, dass eine Herrenrudertour auch ein willkommenes Schlupfloch aus einem ernährungstechnisch sicherlich gesunden, jedoch heimliche Wünsche offen lassenden heimischen Küchengefängnis sein kann.


Gesellige Details der vier Ruderetappen - auf und neben dem Wasser

Wie bereits beschrieben erstreckte sich die Fahrt auf das Herzstück des Untermains. Der 1. Rudertag war Christi Himmelfahrt. Abgeholt wurden wir von unserer männlich-herben Charme ausstrahlenden Busfahrerin Sylvia Pfaff, die stimmmäßig an Hildegard Knef erinnerte und uns auch mit einem Tieflader sicher kutschiert hätte. Der Bus war für sie wie ein kleines Einkaufsgefährt, rückwärts Rangieren auch in kleinen Garteneinfahrten kein Thema. Die Fahrt begann im alten Mainschifferdorf Dorfprozelten (km 141 und Register-Heimathafen vieler Mainschiffe) und endete nach 21 km und zwei Schleusen in Kleinheubach (km 120,5). Das Einsetzen der Boote bei anfänglichem Nieselregen gelang problemlos und bei guter Stimmung. Wichtig war einigen Teilnehmern weniger die Zusammenstellung der Bootsbesatzungen, sondern viel mehr die Sicherstellung der Getränkekühlung. Zu diesem Zweck hatte ein findiger Schweizer einen bierkastentauglichen Schwimmring mitgebracht. Dieser erlaubte das Treideln des vollen Bierkastens am Heck eines Ruderbootes zwecks laufender Kühlung durch Mainwasser. Ein beeindruckendes Beispiel für die Vereinfachung der Bierkühltechnik.

Die Mittagspause wurde bereits nach 9 Ruderkilometern im Gasthaus Mainblick in Freudenberg (km 134,5) eingelegt. Landestypische Getränke stillten den Durst. Vielleicht meinen Sie, liebe Leserin und Gattin bzw. Lebensgefährtin eines x-beliebigen männlichen Rudertourteilnehmers, Wurstsalat kriege jeder Koch hin, auch wenn er noch so ein kulinarischer Tiefflieger ist!! Weit gefehlt, immer wieder bekommt man einen Wurstsalat zwischen die Kiemen, dass es einem nur so graust. Nach Gerhart Polt "hört beim Wurstsalat der Spaß auf". Ein Wirt, der sich beim Wurstsalat keine Mühe gibt, sollte sich auch nicht an andere Speisen wagen. Der Wurstsalat ist sozusagen der Qualitätsmasstab der Küche. Den Elsässer Wurstsalat findet man in vielen süddeutschen Gaststuben. Grundzutaten sind Lyoner-Wurst und Käsestreifen. Oft heisst er Strassburger Wurstsalat, Schweizer Wurstsalat, oder einfach nur Wurstsalat mit Käse. Ein Schwarzwälder Gasthaus mit Vesperkarte kommt ohne ihn nicht aus! Auch wenn es wie eine Platitüde klingt, sollte man den Merkspruch am Ende der Wurstsalat-Homepage nicht vergessen: "Ist ein Mensch zu oft malad, isst er zuwenig Wurstsalat!" Für die meisten Ruderer war der Wurstsalat "Straßburger Art" für € 4,80 ein lukullischer Leckerbissen - in preislicher, geschmacklicher und von zur gesunden Lebensführung ermahnenden Fürsorgerinnen ungestörter Hinsicht. Es gab auch andere Speisen - Topseller war jedoch der Wurstsalat.

Am Abend des ersten Rudertages war traditionsgemäß CRC-Krawatte angesagt. Und Ion hatte an diesem Tag Geburtstag. Nicht allein deswegen war er in guter Stimmung. Es gab eine ausgiebige und fröhlich gestimmte Geburtstagsrunde. Und ein unfreiwilliges kleines Tischfeuerwerk. Die Ecke einer guten wirtshauseigenen Cotton-wool-Serviette, die um den Hals einer im Eiskühler stehenden Weißweinflasche gewickelt war, fing an der Tischkerze Feuer. Eine Gaudi besonderer Art. Von wie bei einem verbotenen Schülerstreich erwischten Pennälern wurde der Tischbrand schnellstens mit Eiswasser gelöscht und das corpus delicti einkassiert. Es befindet sich als Reliquie noch im Besitz des Chronisten. Wer nicht alsbald (vernünftigerweise ?!) zu Bett ging (und das waren die Wenigsten), für den endeten die Abende im sozialen Umfeld von Steffi und Josie bei Julie's (www.juliesbar.de). Details dazu im letzten Abschnitt des Reiseberichts.

Der 2. Rudertag war der Freitag nach dem Wochenfeiertag, für Arbeitnehmer der willkommene Brückentag. Die harmonische und komplikationslose Fahrt ging bei schönstem Sonnenschein über 32 km mit 3 Schleusen von Kleinheubach bis Aschaffenburg. Mittagspause wurde bei km 104,5 in Obernburg im Hotel "Zum Karpfen" eingelegt. Der Speisekartenrenner an diesem Tag war nicht der (gesündere?!) Fitness-Teller für € 10,80, sondern für die meisten die hausgemachte Sülze mit Sauce Vinaigrette und Bratkartoffeln für € 6,80. "Das nehme ich auf jeden Fall. Das mag ich nämlich für mein Leben gerne. Aber zuhause bekomme ich das nicht, weil das zu ungesund sein soll." Dieses Zitat ist nicht nur von einem einzelnen Ruderer zu hören gewesen. Dabei ist Sülze (von althochdeutsch sulza, "Salzwasser") nur ein kaltes Gericht aus Fleisch oder Geflügel, das in Fleischgelee eingelegt ist. Zur Zubereitung wird z. B. Fleisch vom Schwein wie z. B. Schweinskopf als so genannte Maske oder gepökeltes Kalbfleisch mit Suppengrün und Kalbsfuß in Wasser gegart, in Stücke geschnitten, die Brühe geklärt sowie mit Weißwein (je nach Rezept auch Essig) und falls notwendig mit Gelatine ergänzt. Übrigens wurden die Hamburger Sülzeunruhen 1919 durch die Annahme ausgelöst, dass verfaulte Kadaver zu Sülze verarbeitet und verkauft worden seien. Soweit so gut: die Ruderer haben nicht nur die Sülze genossen und gut überstanden, sondern sich auch sonst des Lebens erfreut. "Hast du die Fesseln der Kellnerin gesehen? Das war doch Rasse, eine Augenweide. Was meinst du?" Der Angesprochene, in diesem Fall der Chronist, konnte dies bestätigen. Und so sitzt Ruder-Mann an einem x-beliebigen Werktag in einem kleinen Dorf am rechten Mainufer, lässt den lieben Gott einen guten Mann sein, erfreut sich fern der Heimat an einem kalten gelatinegestärkten Gericht und lässt sein Auge das unverhofft Vorbeiziehende genießen. Essen und Trinken hält eben Leib und Seele zusammen, und das Auge erlebt mit. Wieder ein Beweis mehr dafür, dass der Mensch ein Augentier ist. An Manchem kann Ruder-Mann sich gar nicht satt sehen, da muß dann die Sülze tröstend nachhelfen.

Der 3. Rudertag war ein Samstag. Es ging über 33 km mit zwei Schleusen wiederum bei schönstem Sonnen-schein von Aschaffenburg bis Hanau. Verblüffend konstant ist über viele Ruderjahre hinweg das Gesangs-verhalten der Ruderer beim Warten in der Schleuse. Ein dem Chronisten aus seiner Jungruderzeit wie frisch im Ohr haftender Musikwurm wurde von einem stimmkräftigen CRC'ler vorgesungen: a very ticky tomba. Ein afrikanischer, immer wiederkehrender Refrain, der in wechselnden Lautstärken vorgetragen wird und vom Rudermännerchor beantwortet wird. Als wäre man auf dem oberen Nil! Scheinbar zeitlos dieser Gesang. Muß wohl etwas mit dem Milieu in den Schleusen zu tun haben. Die Mittagspause im Wassersportverein Seligenstadt in Welzheim bei km 70,6 war eine Streicheleinheit für die Geldbörsen. Wo gibt es schon zwei Frikadellen mit üppiger (gesunder) Salatbeilage für € 4,00 zum Sattwerden. Und das im Einflussbereich der Finanzmetropole Frankfurt. Also, kleiner Geheimtipp: WSV Seligenstadt. Und auf der obstbaumbestandenen Wiese zwischen Gasthaus und Mainufer signalisierte die weißblau gekleidete Herde der zum LKS horizontalisierten Rudermänner den Frieden auf Erden. Im wahrsten Sinne des Wortes: Seligenstadt. Der Tag war so entspannend, dass sich einzelne Rudermänner vor dem Abendessen von einer Masseurin (im Hotel!) durch Hand An- und auflegen zusätzlich entspannen ließen. Quasi on top. Das war für einen der Genießer so erfreulich, dass er nicht umhin konnte, seinen weniger entspannten Ruderkameraden während des Abendessens von seinem Erlebten zu berichten. Dabei kam vor lauter, sicherlich durch mäßigen Weingenuß noch verstärkte Entspannung, ein Buchstabensalat zustande. Denn die gute Frau, wohlgemerkt Masseurin, hatte bei unserem Entspanner nostalgische Punkte berührt und erogene Szenen hervorgerufen (Zitat!). Ist es nicht herrlich: das alles am harmlosen Main, zwischen Pangasius im Dialog mit Reis in Erwartung von Sushi und Caipi, die wiederum die erogenen Zonen der nostalgischen Magenschleimhäute berührten - siehe unten. Wer sollte bei soviel Lebensglück keine gute Nacht haben?

Der 4. Rudertag war der Sonntag. Es ging geruhsame 24 km mit zwei Schleusen von Hanau nach Frankfurt zum RV Freiweg bei km 31,7 am linken Ufer. Sie Sonne schien unentwegt und warm vom strahlend blauen wolkenlosen Himmel. Die Türme der Frankfurter Finanzunter- und überwelt glänzten in der sonntäglichen Ruhe und ihre spiegelverglasten Fronten signalisierten Nichts, aber auch rein Garnichts von Finanzkrise. Und wenn sie inzwischen nicht geborsten sind, dann trügen sie noch heute. Am Ziel wurden die Boote vom Wasser genommen, verladen, vertäut, das übliche Ritual. Das Gros der Rudermänner machte sich frisch die Heimfahrt, zumeist den Angebetenen entgegen, in die gesunden Sülze und Wurstsalat freien Küchen. Der Abschied war, wie sollte es bei Rudermännern anders sein, schmerzfrei. Einige Wenige fuhren mit der Minna, das Gros, auch Literaturquintett genannt, fuhr per ICE zum Niederrhein, zwei nach Osnabrück und einer blieb zuhause am Main. Der Chronist aber fuhr allein, nicht jedoch vereinsamt, per Bahn zurück nach Hannover, der Landeshauptstadt von Niedersachsen - übrigens einem Land, in dem die Gebrüder Grimm zuhause waren - und träumte von einer schönen Rudertour, die gewesen war und hoffentlich eine Nachfolgerin haben wird.

Von Pangasius und Sushi bis Steffi und Caipirinha

Ernährungs- und getränketechnisch scheint der Main eine fließende Verbindung zwischen Asien und Süd-amerika zu sein. Und Aschaffenburg scheint an der Nahtstelle von Mekong und Amazonas zu liegen. Auf diesen Gedanken könnte man mit viel Phantasie kommen, wenn wir unser Augenmerk auf die Zeit nach dem sportlichen Zweck der Rudertour richten, dem Abendritual. Diese Zeit wurde (nicht von allen, aber von vielen Teilnehmern der Tour) in aller Regel nach dem gleichen Rhythmus zelebriert: Bierchen am Hoteltresen kurz nach dem Eintreffen, Frischmachen und ein wenig Herausputzen, kurz auf's Ohr legen, zumeist auf das eigene, danach ein kleines Bierchen am Hoteltresen als Apero, um sich dann zum gemeinsamen Abendessen gruppenweise an die liebevoll vorgedeckten Tische zu setzen. Um es vorab zu sagen: die Abende waren fröhlich, entspannt, durchsetzt von launigen Gesprächen, stand-up-Intermezzi, ernsthaften Diskussionen im kleinen Kreis - alles in allem eine entspannende und erholsame Frei-Zeit. Alle sind lecker satt geworden, keiner ist verdurstet. Dieser lebensnotwendige Umstand ist einigen Teilnehmern jedoch scheinbar nur durch geschickte Ergänzung oder Erweiterung der vorbestellten Gruppenspeisung gelungen.

An dieser Stelle bemüht der Chronist zunächst für den an der Rudertour unbeteiligten Leser www.wikipedia.de, zum besseren Verständnis der später beschriebenen abendlichen Ernährungs- und Trinkrituale. Die Fischart Pangasius besiedelt die großen Flussläufe des Mekong und des Chao Phraya in Thailand, Vietnam, Laos und Kambodscha. Eine Amuse geule ("Maulfreude"), vor allem im deutschen Sprachraum auch Amuse-Bouche ("Mundfreude") genannt, ist ein appetitanregendes, kleines und somit mundgerechtes Häppchen, das zumeist gratis und vor der kalten Vorspeise im Rahmen eines Menus serviert wird. Von deutschsprachigen Köchen wird das Amuse-Geule als "Gruß aus der Küche" verstanden. - Sushi ist ein japanisches Gericht, das hauptsächlich aus erkaltetem, gesäuertem Reis, mit entweder rohem oder auch geräuchertem Fisch und oftmals Nori (getrockneter und gerösteter Seetang) besteht und in mundgroßen Stücken optisch ansprechend serviert wird. - Caipirinha ist ein aus Brasilien stammendes alkoholisches Mischgetränk (Cocktail) aus Cachaca, Limettensaft, Zucker und Eis. Der Name Caipirinha ist abgeleitet vom brasilianischen Wort caipira, das Landbewohner oder auch abwertend Hinterwäldler bedeutet. Der Caipirinha ist ein populärer, weit verbreiteter und weltweit getrunkener Cocktail. Im deutschen Sprachraum ist außerdem die Kurzbezeichnung der oder die Caipi verbreitet, vor allem auch für vier Abende vorübergehend in Aschaffenberg, insbesondere nach der fünften Bestellung, getreu dem Motto: was sollen wir lange reden, wir wollen ja trinken. Caipi, ahoi!.

Der Abendkoch im "Goldenen Karpfen" schien eine besondere Nähe zum Pangasius zu haben, den diesen gab es an drei von vier Abenden in verschiedenen Darreichungsformen: Pangasius am Stück mit Salzkartoffeln und gedünstetem Gemüse, Gemüse im Dialog mit gegrilltem Pangasiusfilet, Pangasiusgeschnetzeltes am Reisrand. Es hatte den Anschein, als sei am "Goldenen Karpfen" vorbei eine Pangasiusinvasion erfolgt, die dem glücklichen Koch ins Netz gegangen ist. Ernährungstechnisch ist dieser Fisch auch sehr gesund - und wie bereits gesagt: es hat auch gut geschmeckt und die Tour hat ja auch (leider) nur vier Tage gedauert. Für den ein oder anderen Ruderer jedoch schien am Abend nach den anstrengenden Ruderetappen Schmalhans Küchenmeister gewesen zu sein. Für manch einen ansonsten am heimischen niederrheinischen Herd allabendlich mit größeren Portionen liebevoll verwöhnten Ruderrecken fehlte entweder die beigelegte Lupe, um das Tellergericht in voller Größe in Augenschein nehmen zu können oder der Magen war größer als die Augen oder aber es fehlte die liebende Köchin, ihm ihre Hand auf die Schulter legend oder sanft über den Kopf des fast Verhungernden streichelnd, die aufmunternd sagte: nun laß' es doch erstmal sacken und wirken, das Sättigungsgefühl stellt sich schon ein! Aber diese ernährungspädagogisch sicherlich richtige Grundeinstellung passt nicht zu jedem Rudermann, der tagsüber zwar nicht im Felde stand, sondern auf dem Wasser war und einfach nur großen Appetit hat. Einige wenige Mitesser interpretierten die gebrachten Speisen als Amuse geule (und ein Schelm sei, wer Böses darüber denkt); diesen wiederum bot sich die Möglichkeit, ergänzende Zutaten zu bestellen, z.B. ein große Käseplatte, dazu einen leckeren Rotwein, damit für's Erste der Hunger gestillt war. Dann, nach Käffchen und Absacker und gemütlichem Gespräch, wollte sich der ein oder andere die Füße ein Wenig vertreten.

Unweit vom "Goldenen Karpfen" lag aber zufälligerweise eine typisch mainfränkische Sushi-Bar am Wegesrand, die auf einige Füßevertreter dieselbe Anziehungskraft ausübte, wie die Lorelei auf die unglücklichen Schiffer: sie strandeten dort nach dem Dialog von Pangasius am Reisrand mit sanft darübergelegter Rohmilchkäseplatte. Aber nicht weil sie Hunger hatten, sondern weil es so verlockend lecker aussah und überhaupt. Und das ist doch ein ganz wichtiger Aspekt bei einer solchen Kurzrudertour: das Überhaupt. Da machen wir doch mal Urlaub, auch von der Vernunft und vom strengen Händchen der Angebeteten. Wann kommt man schon mal wieder so schön unkompliziert zusammen. Und so fanden am Tresen Rudermännerdialoge statt und im Magen traf Sushi auf Pangasius, die sich beide aus Asien ja schon kannten, der wiederum bereits einen Dialog führte mit, lieber Leser, Sie wissen schon...

Unweit weiter als die Sushibar, quasi einen Steinwurf entfernt und ebenfalls gut fußläufig zu erreichen, lag ein abendfreizeit-kultureller Höhepunkt Aschaffenburgs, ebenfalls rein zufällig am Wegesrand der Füßevertreter: Julie's Bar Restaurant (www.juliesbar.de). Dort traf man/Mann auf die liebe und sanftmütige Kellnerin Steffi (Studentin) und deren aus den Niederlanden stammende blondhaarige Restaurantbetreiberin Josey. Ihrer Ruhe und Ordnung anmahnenden disziplinarischen Strenge im Umgang mit den friedlichen, lediglich Feier-abendgetränke in sich aufnehmenden Ruderern nach zu urteilen, muß sie auf dem Wasserweg über Rhein und Main von Rotterdam zum schwarzen Meer in Aschaffenburg als Marketenderin von Bord eines nieder-ländischen Freibeuters gegangen sein. Der Umgang formt halt den Menschen! Am vierten Abend hatte man/Mann sich aber (gruppenweise) so aneinander gewöhnt, dass auch Josey der Abschied schwer fiel, nicht nur in Gedanken an die nach unserer Abreise fehlenden abendlichen Umsätze.

Es gäbe noch manche kleine Begebenheit am Rande zu erzählen. Doch der bisherige Bericht soll für dieses Jahr reichen. Die großen unverfänglichen Tagesgesprächsthemen waren immer wieder die amerikanische Präsidentenwahl und die Fußball-WM-Qualifikationsspiele. Und darüber hinaus die Frauen, ja, sogar die eigenen. Denn ob man es glaubt oder nicht: während die Mannen auf dem Main waren ruderten einige der Angetrauten in Emden. Von Zeit zu Zeit, manchmal im Stundentakt, wurden die jeweiligen Stimmungsbilder fernmündlich ausgetauscht. So wussten die Damen in Emden, was sich am Main so abspielte und die Herrenwelt wurde dank TRÜ TelefonischerRuderÜberwachung über die Vorgänge in Emden auf dem Laufenden gehalten. Daß sich die Ruderinnen in Emden leicht bekleidet bei Polonaise und stimmungsaufhellenden Getränken köstlich amüsiert haben, versteht sich von selbst. Um so verständlicher wird es für den geschätzten Leser sein, warum der einsame Rudermann sich dann mit Sushi und Caipi bei Steffi und Josey trösten musste.

Apropos: der Chronist erfuhr von seiner Aufgabe, einen Reisebericht zu schreiben, am zweiten Rudertag so nebenbei vom Bestimmer. Dies sei so üblich, wenn einer quasi zum ersten Mal die Tour mitmache. Eine herrliche Aufgabe, vielen Dank, lieber Detlef. So durfte der Chronist nicht nur als beobachtender Berichterstatter mitreisen, sondern musste mit Haut und Haaren alles bis zum Schluß mitgenießen und miterleben. Denn woraus hätte sonst der Ruderreisebericht entstehen sollen, wenn das Beschriebene nicht auch hautnah miterlebt worden wäre. Herrliche Bilder zu der Tour gibt es übrigens auf der Homepage von Immo. Und nun, liebe Leserin, lieber Leser, begebe ich mich in den Winterschlaf und freue ich mich auf die nächste CRC-Herren-Rudertour im Frühjahr 2010. Bis dahin: Ahoi!

Euer Ruderkamerad Wolfgang Kauffels

Autor: Wolfgang Kauffels
Email:
2567 mal gelesen