Crefelder Ruder-Club 1883 e.V.

Ein Fan erzählt: Weltmeisterschaft in Neuseeland 2010

24. Januar 2011
Die lange Version des Reiseberichts aus dem Dollenbruch zur WM in Neuseeland von Niki Müller-Holtz:

Aufgeregt und voller Tatendrang traf sich der "CRC-Ruder-WM in Neuseeland-Fan-Club von Jochen und Marlene" bestehend aus Monika und Wolf Urban sowie meiner Person am Mittwoch, den 20. Oktober 2010 um 19.30 Uhr am Düsseldorfer Flughafen. Zu unserer Reise an das andere Ende der Welt wurden wir verabschiedet von Anke und Walter Jansen sowie auch von Monikas Mutter. Fankleidungsstücke wurden für die obligatorischen Fotos übergezogen und als wir dann noch die vollständige Besatzung einschließlich der beiden Piloten unseres Fliegers nach Dubai entdeckten gab es kein Halten mehr. Natürlich mussten alle diese Personen, insbesondere aber die Stewardessen mit ihrer Kleidung, die eher an Prinzessinnen aus Tausend und Einer Nacht erinnerten, als Kulisse herhalten für weitere Bilder.
Zwei Tage später kamen wir in Christchurch auf der Südinsel an. Hier wurde zu unserer einwöchigen Reise durch das Land gestartet bis zur Hauptstadt Wellington bereits auf der Nordinsel. Am Samstag den 30. Oktober 2010 starten wir von dort in Richtung Weltmeisterschaft. Nach einer Fahrt von einigen Stunden entdeckten wir dann auf der linken Seite den Ort des zukünftigen Geschehens, nämlich den Lake Karapiro. Auf einem Parkplatz wurde angehalten. Bei dem Anblick erinnerte ich mich an Schiller‘s Tell: "Es lächelt der See, er ladet zum Bade". In dem ruhigen Wasser konnten wir entfernt einige Ruderboote beim Training beobachten. Die an diesem Tag stattfindende Eröffnungsfeierlichkeit war dem Anschein nach bereits beendet. Jetzt war es unvorstellbar, dass Jochens Vierer einen Tag vorher, wie er telefonisch berichtet hatte, das Training aufgrund hoher Wellen abbrechen musste. Wolf musste jetzt auf Nebenstraßen den See näher erkunden. Die Startanlagen wurden inspiziert und der Zielbereich mit der aufgebauten Tribüne in Augenschein genommen.
Jetzt musste nur noch die Woolshedfarm im Scotmans Valley gefunden werden. Nachdem wir uns ein wenig verfahren hatten, gelang uns dies auch noch wenig später. Sehr herzlich wurden wir dort von Sandra und John Cottle mit einem Getränk begrüßt. Dieses Gebäude, bestehend auf soliden Steinmauerwerk und einer rustikalen Holzkonstruktion, sollte also für die kommenden Nächte unser zu Hause sein. Mit dem vagabundierenden Zigeunerleben in NZ war es jetzt vorbei.
Am nächsten Tag nun sollten unsere Regattaerlebnisse beginnen. Schnell waren die Parkplätze gefunden, wo dann Shuttlebusse uns zu den Wettbewerben bringen sollte. Hier angekommen bestaunten wir erst einmal den Aufwand mit dem die Zuschauer begrüßt wurden. Neben einer auf komplizierten Stahlgerüst aufgebauten Tribüne gab es jede Menge von Eis-, Getränke- und Essenstände. Kein Wunsch blieb hier unerfüllt. Etwas enttäuschend in meinen Augen war dagegen das Zelt der Veranstalter für das Merchandising. Dies hätte mit Sicherheit die Firma New Wave eleganter gelöst.
An der Beschilderung für die Tribüne wurde noch fleißig gearbeitet. Dennoch konnten wir unsere Plätze drei Blocks vor dem Ziel nicht überdacht schnell finden. Das Wetter war sonnig aber auch windig. Ein Blick auf den See zeigte jetzt eine völlig andere Situation als gestern Abend. Die Schaumkronen auf dem Wasser waren nicht zu übersehen. In einer Entfernung von vielleicht 300 Metern konnten wir unter den vielen anderen Booten auch den Riemenvierer von Jochen durchs Glas entdecken, wie dieser den Tribünenbereich passierte und ruhig und souverän Richtung Start ruderte.
Die ersten Vorläufe im Leichtgewichtbereich wurden noch durchgeführt. Aber als die Witterungsbedingungen immer schlechter wurden, kam die Durchsage, dass die Wettbewerbe erst einmal für unbestimmte Zeit "postponed" seien. Eine endgültige Entscheidung sollte um 15.00 Uhr getroffen werden. Um 14.00 Uhr wurde dann bekannt gegeben, dass für heute der Regattabetrieb eingestellt worden ist.
Vielleicht gegen 16.00 Uhr fuhren wir dann nach Hamilton, einer etwa 20 km entfernten größeren Stadt mit ca. 130.000 Einwohnern. In dem dortigen Novotel, ein von der FISA reserviertes Hotel, war nicht nur die deutsche Nationalmannschaft untergebracht. Hier warten wir an einer belebten Straße auf der Terrasse einer Belgischen Kneipe auf Jochen, der dann auch in unsere Richtung gehend etwas schlaksig auftauchte. Er wäre trotz aller Widrigkeiten gern gestartet, nicht nur, damit es endlich los geht sondern auch, weil das Boot auf dem Weg zum Start bei mehrfach geruderten 10 Dicken gut gelaufen wäre und kein Wasser übernommen hätten.
Na gut, es blieb nur die Hoffnung auf besseres Wetter für diesen Montag. Nach einen frühen Frühstück waren wir bereits gegen 10.00 Uhr an der Regattastreckte, wo sich das Wetter gegenüber gestern deutlich verbessert hatte. Es war nicht mehr windig und die Sonne ließ sich blicken. Von unseren Tribünenplätzen konnten wir beobachten, wie auch Jochen mit seinem Vierer in Richtung Start ruderte. Sein Vorlauf sollte um 11.23 Uhr gestartet werden. Ich verfolgte den Start und sein Rennen auf der Großleinwand, während Wolf dieses mit dem Fernglas beobachtete und plötzlich bemerkte: "Da stimmt was nicht! Das Boot liegt quer und die Jungens haben aufgehört zu rudern". Auch über Lautsprecher hörten wir dann die Bemerkung: "there must be something wrong in the german boat". Am 17. November 2010 hatte auch Jochen nach fast drei Wochen inzwischen so viel zeitlichen Abstand gewonnen um in unserem Bootshaus diese Situation im Boot humorvoll wie folgt zu beschreiben: "Plötzlich schrie unser Schlagmann RUDER HALT. Da dieses Kommando häufiger von ihm im Training kam dachte ich an ein Versehen und schrie zurück JETZT NICHT. Der jedoch hörte auf zu rudern mit dem Kommentar GEHT NICHT ANDERS".
Was war passiert? Eine Schraube an dem Stemmbrett des Schlagmannes, mit der dieser das Steuer führen musste, war gebrochen. Das Boot war nicht mehr steuerbar und somit ein schneller Regattaschlag undurchführbar. Fassungslos mussten wir zusehen, wie der Vierer mit zwei Minuten "Verspätung" an den Tribünen mit langsamem Wanderschlag vorbei ins Ziel fuhr um nicht noch für den Hoffnungslauf disqualifiziert zu werden. Anschließend verließ ich meinen Tribünenplatz um bei einem Frustbierchen mich von den Old Boys aus Wellington trösten zu lassen mit den Worten "shit happens".
Um 12.17 Uhr wurde dann das Rennen von Marlene gemeinsam mit ihrer Partnerin Kerstin Hartmann aus Ulm gestartet. Hier konnte kurz vor dem Ziel beobachtet werden, wie souverän hinter den USA der zweite Platz, der die direkte Qualifikation für den Endlauf bedeutete, deutlich vor den Frauen aus Rumänien verteidigt wurde. Anschließend waren unsere Damen noch ziemlich abgezockt das Ausrudern so lange hinaus zu zögern, damit der Zieleinlauf des 2. Vorlaufes, also der zu erwartenden Konkurrenz im Finale, noch eingehend beurteilt werden konnte.
Von Ulla Mennigen wurde ich anschließend informiert, dass die Eltern Urban aufgebrochen waren zu einem Treffen mit Jochen verbunden mit der Aufforderung ebenfalls dorthin zu kommen. Nach nicht einmal einer Zehntelsekunde Überlegung hatte ich mich jedoch entschlossen genau das Gegenteil dessen zu tun, da ich es für klüger gehalten hatte diesem Pechvogel erst einmal aus dem Wege zu gehen. Abends hatten wir uns dann mit seinen Eltern in Hamilton zum Essen verabredet und ich konnte im IGUMA Restaurant einen sehr nachdenklichen und auch eher schweigsamen Jochen erkennen, der es vorzog sehr pünktlich seinen Weg zurück ins Nototel zu finden.
Danach trafen wir in einen Guinnesspub noch auf ein paar Bierchen zufällig drei Offizielle vom DRV. Selbstverständlich wurde jetzt mit diesen viel und ausführlich über die Sportart Rudern als Hochleistungssport und das damit verbundene Training diskutiert, wobei ich mich mangels wirklicher Kenntnisse in diesem Bereich fast ausschließlich in der Rolle des passiven Zuhörers wiederfand. Meine Einstellung war offensichtlich ein wenig naiv gegenüber dem DRV gewesen. Bisher war ich immer davon ausgegangen, dass sich dieser Ruderverband zusammensetzt aus gut überlegten und einheitlich sauber funktionierenden Strukturen, und das besonders im Trainerstab. Das letzte ausführlich Gehörte in Hamilton hatte mich jedoch sehr nachdenklich gemacht, was noch überaus freundlich formuliert ist.
Gegen 12.00 Uhr erreichten wir am nächsten Tag die Regattastrecke um festzustellen, dass der ganze Zeitplan sich, aus welchen Gründen auch immer, um mehr als eine Stunde nach vorne geschoben hatte. Wir kamen gerade noch rechtzeitig um den Einlauf des Frauenachter beobachten zu können. Hier belegte das Deutsche Boot Platz 4. Es ging weiter im Männerbereich mit dem ersten Vorlauf des Achterrennens. Der Deutschlandachter konnte sich denkbar knapp den ersten Platz sichern vor NZ und China. Der 2. Vorlauf wurde vom Achter aus Großbritannien gewonnen.
Heute am Mittwoch sollte wieder Jochen ins Geschehen eingreifen. Gefrühstückt wurde schon um 08.30 Uhr so dass wir bereits um 10.30 Uhr am Lake waren, wo in einer Stunde die Wettbewerbe mit diversen Hoffnungsläufen beginnen sollten. In dem ersten Repechage des Riemenvierers konnten sich erwartungsgemäß Frankreich und Griechenland für das Finale qualifizieren. Um 13.00 Uhr wurde der zweite Hoffnungslauf mit Jochen auf Bahn 1 bei guten Bedingungen gestartet. Lange sah es sehr positiv für das Deutsche Boot aus, welches in unseren Augen sicher den zweiten Platz hinter den USA verteidigen konnte. Tja, bis dann irgendwie aus dem Nichts die Italiener auftauchten um unser Boot noch abzufangen. Etwas konsterniert mussten wir vor unseren Augen erleben, wie Jochen mit seinen Mannen deshalb nur den undankbaren dritten Platz holen konnte und damit die erhoffte Qualifikation für das A-Finale weg war.
Während Monika sich noch trösten ließ von Sandra und John, die an diesem Tag auch plötzlich in Karapiro aufgetaucht waren, und ich ein wenig apathisch noch beobachtete, wie ein Ruderboot nach dem anderen an den vielleicht 300 Meter entfernten Stegen anlegte, machte sich plötzlich rechts und links neben mir unter großem Getuschel eine gewisse Unruhe breit. Was war passiert? Ein vor uns sitzender Neuseeländer hatte eine Zeitung aufgeschlagen auf deren Titelseite "ROWING COACH ARRESTET NEAR LAKE" in großen Buchstaben zu lesen war. Als uns freundlicherweise diese Zeitung überlassen wurde, mussten wir feststellen, dass es sich hierbei um den Deutschen Cheftrainer Hartmut Buschbacher handelte, der in der Nacht von Montag auf Dienstag um 02.00 Uhr in eine Alkoholkontrolle geraten war. Ein später von mir befragter Polizist erzählte, dass es Anrufe von besorgten anderen Autofahrern gegeben hätte. Jemand würde sich auf einer großen Bundesstraße recht merkwürdig verhalten. Die herbei gerufenen Polizeibeamten hätten dann festgestellt, dass das Atemindikationsgerät einen Alkoholwert angezeigt hätte, der dem Doppelten dessen entsprach was erlaubt sei - in NZ 0,8 Promille -. Eine Blutentnahme sei von dem Betroffenen angelehnt worden und eine solche könne auch in diesem Land nicht erzwungen werden. Was jetzt weiter passieren würde, würde am kommenden Montag nun ein Gericht im Hamilton entscheiden.
Wie haben die Athleten des DRV auf diese Nachricht reagiert, als wir diese entsprechend informierten konnten? Bei den wenigsten konnte auch nur im Ansatz etwas Mitleid mit dem Cheftrainer entdeckt werden. Was die Ruderer und besonders die -innen im Einzelnen wirklich dazu gesagt bzw. wie diese reagiert haben könnte ausführlich und peinlich genau unter Nennung der einzelnen Namen von mir jetzt hier geschildert werden, aber da gibt es ja noch - Gott sei Dank - die klare Anweisung von Monika U: "Niki, das schreibst du jetzt aber nicht in deinen Bericht!".
Schon gestern war beschlossen worden dass heute an diesem Donnerstag einmal die Weltmeisterschaft nicht unser Handeln bestimmen sollte. Stattdessen sollte nach dem Frühstück um 09.00 Uhr ein Ausflug zu der geheimnisvollen und berühmten Unterwelt von Waitomo stattfinden. Was würde uns erwarten? Aus dem Führer wusste ich vorab nur dass es eine seltsam komische Kombination werden würde zwischen Tropfsteinhöhlen und Glühwürmchen. Während der Hinfahrt konnten wir uns auch noch schlau machen über diese Tierchen. Das neuseeländische Glühwürmchen hat rein Garnichts zu tun mit unserem Johanniskäfer, dem Glühwürmchen in Mitteleuropa. Der Europäer leuchtet in der Hoffnung auf Sex; der hier lebende Käfer dagegen simpel in der Hoffnung auf Futter; je nach Hunger mehr oder minder intensiv. Dass die Decken der unterirdischen Gewölbe unter Waitomo einem Sternenhimmel gleichen, ist Absicht. Denn dorthin, also in Richtung des vermeintlich nächtlichen Firmaments, streben Insekten und enden dann in einem Gewirr langer, klebriger Fäden dieser hungrigen Tierchen.
Es war ein langer Tag mit aufregenden Erlebnissen als wir auf unserer Rückfahrt gegen 19.20 Uhr kurz vor Cambridge in eine Straßensperre nur eines einzigen Polizisten gerieten. Jeder Wagen wurde kontrolliert. Ziemlich scheinheilig freundlich trat der Beamte auf die rechte Seite des Autos: "Hi guys, how are you?" - und zu Wolf gewandt: "please tell me your name and your adress." Als Wolf dann seinen Namen nannte hielt der Polizist ein Gerät durch die geöffnete Scheibe vielleicht in der Größe eines Smartphone und bevor er dies wieder wegnahm konnte Wolf im Display den Schriftzug erkennen: NO ALCOHOL. Das war also das Atemindikationsgerät, mit dem auch offensichtlich unser Cheftrainer konfrontiert wurde. Und als dann noch bei der angeforderten Adresse der Begriff Germany fiel, musste der Beamte unwillkürlich lachen bevor er uns eine gute Weiterfahrt wünschte.
Schon früher war uns in Cambridge ein Gebäude aufgefallen welches irgendwie an unseren Nordbahnhof in Krefeld erinnerte und in dem sich offensichtlich auch eine Gastronomie befand, die aber bisher immer geschlossen hatte. Heute Abend war geöffnet und so konnten wir hervorragend in der GPO Bar & Brasserie essen. Das GPO stand für General Post Office. Passend zum gerade Erlebten entdeckte ich über dem Pissoir einen Warnhinweis der Polizei mit der Anmerkung: "Finger weg als Fahrer vom Alkohol! Wir erwischen Jeden; früher oder später!"Da Monika uns nach Hause fahren sollte konnten jetzt Wolf und ich in unserem GPO noch beim Essen gemeinsam ein wenig mehr als üblich "buschbachern".
Es regnete an diesem Freitag als wir uns beim Frühstück über die Arbeit der über 700 freiwilligen Helfer für die Organisation dieser Weltmeisterschaft unterhalten haben. Diese Volunteers, alle an der einheitlich hellblauen Kleidung zu erkennen, waren unglaublich freundlich und dazu noch sehr hilfsbereit. Man merkte ihnen an, dass alle sich sehr gefreut hatten hier mitwirken zu können, damit dieses Ereignis ein voller Erfolg werden würde getreu nach dem Motto: "The 1978 World Rowing Championsship was a regatta. In 2010 it’s an event".
Es regnete stärker als wir um 11.00 Uhr am Lake Karapiro ankamen. Deshalb entschlossen Wolf und ich uns dazu die letzten beiden ziemlich großen und unhandlichen Regenschirme im Merchandising zu kaufen. Sobald dieser Deal abgewickelt war änderte sich das Wetter schlagartig. Es wurde deutlich wärmer und unsere neuen und natürlich überteuerten Schirme mussten jetzt eher als Sonnenschutz herhalten.
Der Rennbetrieb begann um ca. 11.30 Uhr und kurz vor 12.00 Uhr wurde das B-Finale für Jochens Boot gestartet. Dieses konnten die gelbgrünen Australier gewinnen knapp vor Deutschland und China. Natürlich interessierte jetzt auch das Ergebnis des A-Finales dieser Bootsklasse. Und es waren ausgerechnet die Franzosen, die hier Gold holen konnten, obwohl dieses Boot vor wenigen Wochen bei der Europameisterschaft in Portugal noch so enttäuscht hatte. Die favorisierte Briten erreichten "nur" den 4. Platz und spätestens dann begannen die Diskussionen darüber, ob die Wind- und Wellenbedingungen auf dem See überhaupt noch reguläre bzw. faire Wettkampfbedingungen zugelassen haben.
Für den DRV gab es zwei Medaillen im Damenbereich; einmal Silber für LW2x mit Anja Noske und Bronze für W4x.
An diesem Samstag sollte sehr früh gefrühstückt werden, da Wolf und Monika mit dem Auto nach Coromandel fahren wollten, eine Halbinsel am Pazifik. Vorher sollte noch Jochen im Hamilton abgeholt werden, damit dieser zumindest jetzt ein wenig von Neuseeland kennen lernen konnte. Mich dagegen zog es zu der Regattastrecke, zumal heute ja auch "meine" Marlene im Rennen um Medaillen starten würde.
Um 11.30 Uhr begann der Wettbewerb und zwar als D-Finale bei den M1x, also ein Skiffrennen. Eigentlich nichts Aufregendes aber plötzlich fiel der Name Karppinen. Natürlich gingen bei diesem Namen meine Gedanken zurück zu den 70ziger und 80ziger Jahren, als ein Feuermann aus Finnland mit gleichem Namen unserem damals so erfolgreichen Ruderer Peter-Michael Kolbe das Leben so schwer machen sollte. Die zweite Hälfte des Tages begann jedoch mit einem Doppelschlag der Deutschen Mannschaft im Leichtgewicht. Sowohl die Damen als auch die Herren konnten hier im Doppelvierer Gold holen. Eigentlich kein schlechter Auftakt für den Saarlandvierer mit den Zwillingen Kühner. Bei diesem Rennen kurz vor dem Zieleinlauf schlugen die neben mir sitzenden Eltern, aber noch häufiger Freundin Anne, die Hände vor die Augen. Es wurde unglaublich eng! Das Ergebnis des Zieleinlaufen: Erster Platz an GBR mit 6:10,71 vor AUS mit 6:10,78 und CHN mit 6:10,79. Mit 6:11,27 gab es für uns "nur" Platz vier. Das war wirklich sehr knapp!
Um 15.00 Uhr musste dann Marlene ihr Rennen bestreiten. Schon durch das Fernglas konnte ich deutlich nach 1.000 Metern erkennen, dass das Ganze nicht so lief wie sich die beiden Athletinnen aus Krefeld und Ulm das vorgestellt hatten. Während das Deutsche Boot als Nr. 6 einlaufen würde hatte ich vorab schon Gelegenheit mich mit den Neuseeländern, die sich rechts und links neben mir in Ekstase gebrüllt hatten, über deren erste Goldmedaille bei dieser WM zu freuen. Auch in nächsten Rennen, diesmal der männliche Riemenzweier, holte sich NZ erneut die Goldmedaille. Entsprechend enthusiastisch war die Stimmung auf der Tribüne.
Abends sah in dann wieder die Coromandel-Truppe mit Jochen im Schlepptau. Da bereits Wolf und er am nächsten Morgen um 05.00 Uhr aufbrechen sollten zu einer Ballonfahrt war es ja nur sinnvoll, dass Jochen ebenfalls heute hier diese für ihn recht kurze Nacht verbringen sollte. Anschließend waren wir zum Abendessen Gäste des Farmerehepaares. Sandra hatte einen köstlichen Lammbraten zubereitet und John einige Flaschen von seinem besten Rotwein geöffnet. Hervorragend!
Heute war Sonntag und damit der letzte Tag dieser Weltmeisterschaft an dem noch 7 Rennen stattfinden sollten, bei dem es um Medaillen ging. Um 11.30 Uhr trafen wir uns zum letztemal mit unseren liebgewonnen Freunden auch aus NZ bei Heineken zum Frühstoppen. Bereits um diese Zeit war es hier schon brechend voll. Nach der Mittagspause saßen wir dann alle wieder auf unserer Tribüne, um die letzten Entscheidungen live zu erleben.
Der Nachmittag begann mit einem Deutschen Erfolg. Marie-Louise Dräger, die bereits gestern schon eine Goldmedaille gewonnen hatte, gewann auch hier ihr Rennen im Leichtgewichtseiner vor Neuseeland. Wenig später sollte der Leichtgewichtsachter der Männer starten, in dem Martin Kühner auf Schlag und Jochen Kühner auf Position 3 rudern würden. Natürlich wurde dieses Rennen besonders genau wie am Vortag von den anderen drei Kühners auf der Tribüne verfolgt und der Jubel war einfach riesig, als dieses Boot vor Australien und Italien über die Ziellinie fuhr. Kurz von 16.00 Uhr wurde dann das letzte Rennen dieser Weltmeisterschaft gestartet natürlich der Tradition entsprechend als Höhepunkt mit dem Achter der Herren. Es wurde für die Deutschen ein Start Ziel Sieg aber es blieb bis zu den letzten Metern richtig spannend, da sich die beiden Crews aus Australien und Großbritannien einfach nicht geschlagen geben wollten. Bei der letzten Siegerehrung dieses Events wurde aber dann doch die Deutsche Hymne gespielt.
Was jetzt noch passierte war eine erfreulich kurze Abschlussveranstaltung. Geehrt wurde auch der DRV als zweiterfolgreichstes Team dieser WM nach Großbritannien und vor, so glaube ich wenigstens, Australien. Dann sprachen unter anderem noch der Präsident der FISA und auch sehr kurz der Premierminister des Landes, eine für diese Aufgabe erstaunlich junge Persönlichkeit. Es folgte danach das Anlegen von drei Booten der Maoris, welche an Land noch einige akrobatische und irgendwie auch sehr kriegerisch anmutende Abschiedstänze mit wilder Musik aufführten. Jetzt kam bei mir doch ein wenig Wehmut auf. Dies war alles für mich ein untrügliches Zeichen, dass in ein paar Stunden aufregende und erlebnisreiche Urlaubstage in Neuseeland unwiderruflich ihr Ende finden sollten.
Den letzten Abend in NZ sollten wir in Hamilton verbringen. Im Restaurant Lone Star wurde ein größerer Tisch, ich glaube für sogar 14 - 15 Personen, reserviert. Es trafen sich die stolzen Eltern mit den beiden Schwestern von Florian Menningen, der heute ja im Achter Gold geholt hatte. Es trafen sich die stolzen Eltern von Lukas Müller, einem imposanten Mann mit einer Länge von 2,07 Metern, der heute ja ebenfalls im Achter Gold geholt hatte. Es trafen sich die stolzen Eltern samt Freundin Anne von Martin und Jochen Kühner, die heute ja auch im Leichtgewichtsachter Gold geholt hatten.
Und im Lokal tauchte nach dem Essen auch ein wirklich gutgelaunter Jochen auf und dieser hatte im Schlepptau zwei seiner Freunde aus dem Deutschlandachter mitgebracht, nämlich Florian M. und Gregor Hauffe. Und plötzlich waren da auch genauso gutgelaunt die Goldmedaillen-Zwillinge Martin, der seine Freundin Anne abholen wollte, und Jochen H. Es wurde jetzt im Lone Star viel erzählt, gelacht und getrunken. Aber irgendwie hielten diese jungen Leute es nicht allzu lang bei uns alten Säcken aus. Das übergroße Bedürfnis, jetzt noch gemeinsam einen ausgedehnten Zug um die Blocks zu machen, war in deren Augen nicht länger zu übersehen.
Und zu den Erwachsenen: Artig verabschiedete sich jeder, um jetzt wieder getrennte Wege gehen zu müssen, mit den besten Wünschen entweder für den noch bevorstehenden Urlaub in Neuseeland oder aber die morgen anzutretende lange Reise zurück nach Deutschland.


Krefeld, im November 2010

Niki Müller-Holtz

Autor: Niki Müller-Holtz
Tags: Allgemeines | Senioren | International
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