Crefelder Ruder-Club 1883 e.V.

Rudertour in St. Petersburg und Nowgorod - Ein russisches Sommermärchen

23. November 2011
Die glorreiche Tradition der JoPi bzw. PePi-Rudertouren, die CRCler auf die schönsten Gewässer rund um den Globus geführt hat, erfuhr unter der neuen Leitung von Ion Shore und Wolfgang Urban (IWo-Tour) eine standesgemäße Fortsetzung: Rudern in St. Petersburg auf der Newa und in Nowgorod auf dem Wolchow und Ilmensee! Vier Wochen nachdem der CRC-Achter in St. Petersburg für Deutschland(!) bei den „Golden Blades City Sprints“ die Silbermedaille gewonnen hatte, starteten am 19.August 20 Ruderinnen und Ruderer des CRC* gen St. Petersburg, um 13 Tage eine einmalige Kombination aus Sport, Kultur und Geselligkeit zu genießen.

Vor Ort erwarteten uns Vida und Hans-Heinrich Busse vom Ruderclub Hansa Hamburg mit ihren wertvollen Kenntnissen der russischen Sprache und ihren Kontakten zur russischen Ruderszene.  So war alles bestens vorbereitet für das große Abenteuer „auf den Spuren der Wikinger“ (sie sollen nach neusten Erkenntnissen Vorfahren der Russen gewesen sein). Ja Ions Vorbereitungen waren so perfekt, dass er vorher sogar einen Einführungsabend in die russischen Sitten und Bräuche (offiziell als Info-Abend angekündigt) einberufen hatte, wo man im Krefelder russischen Lokal „Absolut“ die Landessitten in den Disziplinen Essen, Trinken und Tanzen einüben konnte. Der Abend war dermaßen authentisch, dass  zumindest der Autor dieses Berichtes  am Ende glaubte, in St. Petersburg zu sein und sich ein Taxi zum Hotel bestellen wollte. Leider wachte er am nächsten Tag wieder in Krefeld auf – nachhaltig beeindruckt von der russischen Kartoffelverwertung.


Ankunft in St. Petersburg
Vier Wochen später, am 19. August, dann die heiß ersehnte Landung in St. Petersburg. Ein letzter Gewitterschauer während der Busfahrt in die Stadt, dann lachte die Sonne und blieb uns fast die ganze Zeit treu. Nach dem Einchecken im gediegenen Hotel „Emerald“ spazierten wir in der warmen Abendsonne auf dem prachtvollen Newski Prospekt voller junger Menschen und langbeiniger Mädchen zu den reservierten Tischen im Hotel „Astoria“, direkt gegenüber der Isaak-Kathedrale. Deren imposanten Turm erklommen  wir nach dem Essen im Dunklen  und bekamen einen fantastischen Blick auf die illuminierten Prachtbauten St. Petersburgs. Ja nicht genug des Staunens, just in diesem Moment wurde am Newa-Ufer auch noch ein Feuerwerk gezündet! Als ob die Stadt gewusst hätte, dass schon wieder CRCler in St. Petersburg sind. Solchermaßen hochgestimmt traten wir den langen Rückmarsch durch das leuchtende,  mitternächtliche St. Petersburg an. Selbst um halb zwei morgens, als die letzte Teilgruppe am Hotel eintraf, war der Newski Prospekt noch voller Menschen. Natürlich: Champions League statt Provinz! Was würde diese Stadt uns noch bieten?
Am nächsten Morgen erwartete uns nach ausführlichem Frühstück unter der riesigen Glaskuppel des Hotels im Foyer desselben unsere liebenswürdige Stadtführerin Tatjana. Bei strahlendem Sonnenschein erläuterte sie uns auf einer Bustour die Besonderheiten und Geschichte der Highlights der Stadt, ließ uns im wunderschönen „Haus des Buches“ (Jugendstil!) eine Mittagspause machen, um uns von dort aus zu Fuß am Katharinen Kanal entlang zur monumentalen Auferstehungskirche zu führen, die von außen wie ein orientalisches Märchenschloss wirkt, aber von innen durch ihre religiösen Mosaike auf insgesamt 7000 qm besticht. Tatjana erläuterte sachkundig, warum diese Kathedrale auch „Erlöserkirche auf dem Blut“ genannt wird und erklärte aus russisch orthodoxer Perspektive die wichtigsten Ikonen und Mosaike.
Nach so viel Kultur kam dann gegen Abend die Geselligkeit in der Tradition dieser Rudertouren zur Geltung: große Aperitif Runde auf Zimmer 707 mit Begrüßung von Vida und Hans-Heinrich, die sich als Wegbereiter unserer sportlichen Vorhaben schon vorher in Russland aufgehalten hatten. Schon mal fröhlich eingestimmt fuhr man sodann mit dem Trolleybus No 5 in ein nettes Restaurant, wo man draußen sitzend großartig dinieren konnte und die Spaten Bräu Reserven des Lokals ans Limit brachte. Dass auf der Rückfahrt mit der Linie 5 uns wiederum dieselbe Schaffnerin begrüßte, war keine Fata Morgana der Bierseligen, sondern realer Zufall.
Den wunderschönen, sonnigen Sonntagvormittag (21.8.) verbrachten wir dann endlich auf dem Wasser! Aber noch nicht in Ruderbooten, sondern in einem der vielen Sightseeing Boote. Nun konnten wir die großartige Kulisse St. Petersburgs auf einer langen Fahrt über Newa und Stadtkanäle aus „unserer“ Perspektive genießen. Das „Venedig des Nordens“ im Sonnenschein – unvergessliche Impressionen! Und wie beim nächtlichen Feuerwerk am ersten Abend erkannte uns die Stadt sofort: zwei Kanonenböller – abgefeuert von der Naryschkin Bastion – begrüßten uns um Punkt 12 Uhr auf Höhe der Peter und Paul Festung!
Noch in Hochstimmung bestiegen wir den Bus, um zu unserem Rudergebiet in und um Nowgorod aufzubrechen. Die Busreise ging aber zunächst noch einmal zum Flughafen St. Petersburg, denn noch war die Truppe nicht komplett: Ute und Pe Vogt, Grille und Immo Jordan und Klaus Overbeck trafen ein und wurden herzlich begrüßt. Auf der langen Busfahrt auf der M 10 nach Nowgorod wurde auch etwas sichtbar von der Kehrseite der bisher gesehenen Pracht: triste Vorstädte und verfallende Straßendörfer im nun einsetzenden Nieselregen.
Aber in Nowgorod schien wieder die Sonne und Hans-Heinrich lud uns im Abendlicht ein zu einem ersten Spaziergang durch den alten Stadtkern mit seinen restaurierten Kreml-Mauern.

Rudern auf dem Wolchow
Und dann der lang ersehnte eigentliche Schwerpunkt der Tour, der sportliche Teil. Er  begann pünktlich um 10 Uhr am Montagmorgen (22.8.) im Wassersportzentrum von Nowgorod:
Begrüßung durch den Direktor und Vorstellung der Sportanlagen (Trockenruderbecken, Basketball Halle etc. ). Auch eine Krankenschwester stand zur Verfügung, die aber (aufgrund unserer überragenden Fitness) nicht zum Einsatz kam. Und endlich der von allen mit Spannung erwartete Augenblick der Übernahme der aus St. Petersburg extra für uns antransportierten Sportgeräte! Beim ersten Anblick der drei Doppelvierer und des Riemenvierers wurde gerätselt, ob das die Restbestände der sowjetischen Eismeerflotte seien, oder die späte Rache Iwan des Schrecklichen an allen, die den Wolchow mit einem Ruderboot queren wollen. Aber unter der geduldigen und kreativen Behandlung durch Bootswart Alexandreij, Vida und Hans-Heinrich sowie  unseren technischen Hochbegabungen konnten wir in der folgenden Woche einigermaßen passabel rudern. Da das „lifting“ der Boote weit über die Stunde der Mönche hinausging und bei der mittäglichen Wärme die Gefahr des Dehydrierens bestand, waren Pe, Ion und Michael mal eben Kaltgetränke (Bier und Sekt) holen gegangen. Und eh man sich versah, war der Vormittag beschwingt zur Neige gegangen und das Mittagessen im Hotel angesagt.
Also wurde der sportliche Teil des Tages auf den Nachmittag verlegt. Bei strahlendem Sonnenschein sollten nun die Boote erstmalig zu Wasser gelassen werden. Wer es schon mal als störend empfindet, dass unser Bootssteg am E-See durch die Gänseplage in seiner Begehbarkeit eingeschränkt ist, der hat noch nicht den russischen Pontonsteg in Nowgorod betreten! Nur die potenzierte Erfahrung des hohen Durchschnittalters unserer Ruderer- Truppe ermöglichte eine glatte Wässerung der Boote. Und einmal auf dem Wasser, war man in seinem Element und ruderte den Wolchow Richtung Ilmensee hoch. Fischreiher und Scharen von russischen Fischern in kleinen Schlauchbooten lagen im Wettbewerb um die offensichtlich zahlreichen Fische. Obwohl nur Wasserflaschen an Bord waren, wurde von einem Ruderkameraden behauptet, er habe einen „Minibuckelwal“ gesichtet. Das löste bei den Damen im Boot solch Vergnügen aus, dass man sie noch an der Hotelbar lachen hörte.
War der Montag noch durch Verschrauben und Einrudern der Boote geprägt, so war der Dienstag (23.8.) der erste große Rudertag! Einmal um Nowgorod herum, das waren ca. 35 Km! In den moorigen Schilfkanälen wurde deutlich, dass wir in einer riesigen Sumpflandschaft mit vielen Wasserarmen ruderten. Das Anlanden in der Nähe eines Dorfes zur Mittagspause gestaltete sich etwas schwierig, weil man in dem feuchten Lehm des Ufers quasi kleben blieb. Hans-Heinrich hatte ein open air Buffet vorbereitet und für genügend Getränke gesorgt. Dass sich dabei unser Sportwart Wolf aus Versehen an der Malzbier(!)flasche vergriff, gehört zu den wenigen Unfällen, die sich auf der Tour ereigneten. Sein schmerzverzerrtes Gesicht bleibt allen in Erinnerung.
Da die Besatzung des Riemenvierers noch einige Not mit dem Boot hatte, wurde die Mannschaft nach der Mittagspause neu zusammengesetzt. Dabei unterlief ein schwerwiegender Fehler: Pe und Wolf saßen nun in einem Boot! Da war es völlig klar, dass man – bei nun einsetzendem Nieselregen – das nächste vorbeikommende Motorschiff zum Abschleppen anheuern würde. Das  fanden nicht alle Besatzungsmitglieder so lustig, aber auf diese Art und Weise kamen die „Schleppinskis“ doch noch rechtzeitig am Sportcenter in Nowgorod an. Eigentlich freuten sich nun alle auf die warme Dusche, aber ein kleines Grüppchen verharrte in einem Lokal direkt vor dem Rudercenter bei Bier und Wodka. Als dann ein Ruderkamerad den Vorschlag machte, man solle sich doch mit den Getränken nach draußen setzen, „um auf den Fluss zu gucken“, meinte allerdings der Rest, dass man diesen doch schon den ganzen Tag gesehen hätte.

Sport und Kultur
Der nächste Tag (24.8.) brachte die nahezu perfekt Kombination von Sport und Kultur: Wir ruderten ca. 5 Km den Wolchow aufwärts Richtung Ilmensee um das am Ufer liegende St. Georgskloster mit seiner Kathedrale zu besichtigen. Mit Galina hatten wir eine sehr gut Deutsch sprechende und kenntnisreiche Führerin durch die Klosternanlage aus dem 12.Jahrhundert. In der Sichtachse des Klosters auf dem anderen Ufer des Wolchow konnte man die Überreste der wahrscheinlich ältesten Kirche Russlands erblicken (gegründet von einem Schweden!), die ein paar Tage später von uns bei einem Ruderstopp besichtigt wurde. Nicht minder interessant war der anschließende Besuch des direkt hinter dem Kloster gelegenen Freilichtmuseums für russische Holzbaukunst. Angesichts der gut restaurierten bzw. nachgebauten Holzhäuser und der Holzkirche bekam man – gewürzt durch Galinas Erzählungen über die Sitten und Bräuche der Bauern – einen lebendigen Eindruck vom ländlichen Leben des 18. Und 19. Jahrhunderts im Schatten der absolutistischen Prachtentfaltung.
Nach dem von Hans-Heinrich arrangierten Mittagessen im Restaurant des Freilichtmuseums ging es wieder raus auf´s Wasser. Welch ein Tag!
Und welch ein Abend! Gesellig hatte man sich um die Hotelbar gruppiert, als ein russischer Gast die deutsche Tresen-Mannschaft zum Staunen brachte: Er orderte einen doppelten Jägermeister (den Originalen aus Braunschweig!) und ließ diesen mit einem doppelten Wodka mixen. Wir waren uns einig, dass dieser „double shot“ zum sofortigen „touch down“ des Konsumenten führen müsse. Aber Pe hielt sich lieber an die Devise „probieren statt diskutieren“ und gab dem Barkeeper die Order „the same for me, please!“. Und als dieser mit stoischer Mine ihm das deutsch-russische Urgebräu über den Tresen schob und dabei die Abbuchung auf die Zimmernummer reichte, besann sich Pe auf den Risikofaktor des Spezialmixes,  seufzte tief und sagte zum Barkeeper: „Let me sign, before I die!“  Und – oh Wunder! – er überlebte die Aktion blendend! Solchermaßen gestärkt und beschwingt zugleich versuchte unser Jägermeister-Wodka-Pionier sodann einen russisch-orthodoxen Popen, der gerade an der Rezeption eincheckte, mit dem ein bisschen Wodka-seligen protestantischen Theologen aus der Tresenmannschaft wiederzuvereinigen. – Doch Kirchengeschichte wird nicht an der Bar gemacht!
Der folgende Tag (25.8.) war ganz und gar der Kultur gewidmet. Galina holte uns am Hotel ab zur Stadtführung: Durch das West Tor  der wunderbar restaurierten Kreml Mauer betraten wir den historischen Stadtkern Nowgorods. Anhand der Plastiken am Denkmal „Tausend Jahre Russland“ gab uns Galina einen Überblick über die russische Geschichte. Gleich gegenüber dem Denkmal konnten wir die Sophien Kathedrale mit ihren 5 Kuppeln besichtigen, deren Ursprünge auf das Jahr 1045 zurückreichen und in welcher sich die berühmte Ikone „Maria orans“ befindet. Man betritt diese Kirche durch das beeindruckende „Magdeburger Tor“ betritt, dessen Geschichte Galina detailliert schilderte. Dann ging es vorbei an der Sophien Glockenwand durch das Ost Tor des Kreml über die Fußgängerbrücke auf die andere Seite des Wolchow, wo wir den Jaroslaw Hof und die Christi Verklärungskirche besuchten. Am Ende war uns klar, Nowgorod ist die Wiege der russischen Kultur: das älteste christliche Zentrum, eines der bedeutendsten Kulturzentren Europas und einer der wichtigsten Handelszentren der russischen Geschichte  (Hanse Kontor!) Heute sind die Denkmäler Nowgorods auf der Liste der zu erhaltenden Weltkulturschätze der UNESCO.
Auf dem Rückweg über die Fußgängerbrücke wendete sich der Blick wieder der Gegenwart zu. Als nämlich einigen Ruderkameraden mal wieder ein tieferer Einblick in das Modebewusstsein junger Russinnen präsentiert wurde, meinte tatsächlich einer: „Es gibt etwas, was noch schöner ist, als Ikonen gucken!“ Vermutlich meinte er das auf 18 Uhr im oberen Hotelflur angesetzte Aperitif Treffen, wo von Sekt über Gin bis zu Whisky alles gereicht wurde, was man braucht, um Hunger zu bekommen. Da es beim anschließenden Abendessen im Restaurant nur wenig Kartoffelbeilagen gab, besorgten einige Ruderkameraden gleich mehrere Flaschen Wodka an der Bar des Restaurants, die dann aufgrund der milden Lüfte im Außenbereich des Lokals zur Strecke gebracht wurden. Der Tag war also kein wirklich sportlicher, aber kulturell gelungen und kartoffelmäßig ausgeglichen. Bei unseren Mannschaftsärzten verschob sich allerdings diese Balance im Laufe des späteren Abends dermaßen stark hin zum Kartoffeldestillat, dass man am nächsten Morgen nur einen von beiden beim Frühstück sichtete. Als der andere dann immerhin zur Bootseinteilung auftauchte, die ihm selber als „Sportwart“ der Tour oblag, wurde er einfühlsam von seiner Truppe von Stund an als „unser Doktor Schluckski“ bezeichnet.

Große Ruder Tour
Nach dem Kulturtag dann wieder ein reiner Sport Tag (26.8.): Wieder einmal strahlend blauer Himmel, der Ilmensee wie gebügelt glatt und am Horizont die blinkenden Kuppeln des St. Katharinen Klosters in der Morgensonne, so begann eine große Ruder Tour über ca. 37 km: Über der Wolchow in den Ilmensee, von dort in den Fluss „Msta“ und über den schnurgeraden Siversow Kanal zurück nach Nowgorod.
Vida und Alexandreij fuhren mit einem Motorboot des Wassersportzentrums „Geleitschutz“ und brachten uns zur Mittagspause aus den Weiten der russischen Sumpflandschaft zu einem Kleinod der Nowgoroder Region: Auf einer aus dem Schilfmeer herausragenden Insel tauchten  die Reste einer 1292 erbauten Kirche auf. Daneben ein malerisch gelegener Bauernhof umringt von prall gefüllten Obstbäumen. Nach einem kurzen Fußmarsch vorbei an der Kirche durch das hohe Schilf eröffnete sich eine paradiesische Idylle: die Bäuerin und Vida hatten hinter einem kleinen Birkenhain auf einer frisch gemähten Wiese unter einem langen Baldachin eine herrliche Mittagstafel zubereitet. Tomaten und Gurken, Wurst und Käse, Bier und Wasser, Brot und Kartoffeln standen bereit. Und dann die Hauptspeise:  die Bäuerin und Alexandreij brachten zwei große Eimer  Fischsuppe und eine große Platte frisch gefangenen und gekochten Fisch! Nach diesem fulminanten Mahl in der Einsamkeit der russischen Sümpfe und Wälder folgte eine Szene wie aus dem Schlaraffenland: Man legte sich in wohliger Zufriedenheit im Schatten der Birken nieder auf die frisch gemähte Wiese zum traditionellen LKS. Zuvor hatte man aber noch die Gelegenheit, die selbstgebauten Natur-Toilettenanlagen zu besuchen und sich an einer kreativen Waschbecken Konstruktion zu erfreuen, die es wert gewesen wäre, in den russischen OBI-Katalog aufgenommen zu werden. (Dass sich eine Ruderkameradin fragte, wo denn die Wasserleitungen verlegt seien, sei nur am Rande vermerkt)
Zurück auf den Booten wurde bald klar, dass die mittägliche Wärme einen nicht nur ganz schön ans Schwitzen brachte, sondern auch zahlreiche Mücken anlockte. Sobald aber der breite und luftige Wolchow wieder erreicht war und das Ruderzentrum in Sicht kam, waren die kleinen Plagegeister verschwunden und die Vorfreude auf ein kühles Bierchen „mit Blick auf den Fluss“ erhöhte die Schlagzahl.
Frisch geduscht versammelte sich die Mannschaft im nahegelegenen Restaurant zum Abendessen. Dass dort auch noch eine Folklore Gruppe zum Tanz aufspielte, der mit einer Polonäse endete, war reichlich überraschend. Und da wir ja tagsüber nur ca. 37 km gerudert hatten, gingen dann noch einige zur Musik des Restaurant DJs auf´s Parkett und tanzten Rock´n Roll! – Unkaputtbar, die Ü-60 Truppe des CRC!

Ordensverleihung
Am Samstag (27.8) hieß es allmählich Abschied nehmen von Nowgorod. Noch einmal ließen wir die Boote im sonnigen Morgen vom schwankenden Pontonsteg zu Wasser, um eine kleine Abschieds-Ausfahrt an den Rand des Ilmensees zu machen. Auf der Rückfahrt wurde kurz am Ufer unter den Ruinen der ältesten Kirche Russlands Halt gemacht, wo man Archäologen bei ihren Ausgrabungsarbeiten beobachten konnte.
Zurück im Ruderzentrum wurden die Boote abgeriggert und auf einen bizarren Laster aus der Steinzeit der Automobilisierung verladen, der sie zurück nach St. Petersburg brachte, damit sie uns dort wieder für unsere sportlichen Bedürfnisse zur Verfügung stünden.
Nach erfolgreichem Abschluss der Verlade-Aktion hatten uns Vida und Hans-Heinrich zur Belohnung auf einer Tischtennisplatte ein Mittagsbuffet mit Sekt und Bier bereitet. Als Höhepunkt dieser Tafelrunde überreichten uns die beiden dann - quasi als „Belohnung“ für unsere sportlichen Leistungen auf den Gewässern von Nowgorod- jeweils einen Orden, der uns von Vida mit Küsschen und herzlichen Worten umgehängt wurde. Euphorisiert spendete die Tafelrunde langen Beifall für Hans-Heinrich und Vida, - ohne sie wären all unsere tollen Erlebnisse in Nowgorod nicht möglich gewesen!

Rückkehr nach St. Petersburg
Genau eine Woche Nowgorod. So wie wir an einem Sonntag eingetroffen waren, fuhren wir am darauf folgenden Sonntag (28.8) die gleiche Strecke über Cudova, Ljuban und Tosno zurück, - aber nicht direkt nach St. Petersburg sondern zunächst nach Zarkoje Sela, um dort den Katharinen Palast in Augenschein zu nehmen. Keine Wolke am Himmel! Die Sonne ließ die goldenen Kuppeln der Hofkapelle des Katharinen Palastes erstrahlen. Gerne hätten wir den Palast auch von innen gesehen. Da aber dieser Abstecher nach Zarkoje Sela erst kurzfristig ins Programm genommen worden war, hatten wir keine vorbestellten Gruppenkarten, die zum Eintritt berechtigten. Also flanierte man auf den Spuren des russischen Hochadels durch den wunderschönen Barock Park. Und es gab eine überraschende „Entschädigung“ für den entgangenen Palastrundgang:  im barocken Grottengebäude am Großen Teich begeisterte ein fünfstimmiger Männerchor die Gruppe, so dass der Nachmittag einen wahrlich harmonischen Abschluss fand.
Nach Ankunft in „unserem“ Hotel Emerald in St. Petersburg trafen wir uns in einem vorzüglichen georgischen Restaurant zum Essen ein. Hier kochte die Wirtin noch selber! Da alle mit den Ergebnissen ihrer Mühen sehr zufrieden waren, wurde zum Schluss die Chefin in den Gästeraum gebeten und mit Applaus bedacht.
Am nächsten Tag (29.8) dann das so heiß ersehnte Rudern in St. Petersburg! Nun lag der Ruderclub nicht wie in Nowgorod fast vor der Tür sondern einige Kilometer vom Hotel entfernt. Aber dieses Handicap wurde in einen Event verwandelt: Wenn man schon in St. Petersburg war, musste man auch mal mit der berühmten U-Bahn, der Metro, gefahren sein! Jeder/jede bekam einen Jeton ausgehändigt und ab in die Eingeweide der Millionenstadt. Unglaublich lange Rolltreppen schaufelten Menschenmassen in den Untergrund. In der Nähe der Newa spukte uns die Metro wieder aus und wir liefen voller Erwartungen zum St. Petersburger Ruderclub. Die gute Nachricht war dann, dass der Ruderclub ordentliche Stege hatte, die schlechte Nachricht war, dass wir (natürlich) die Boote, die wir in Nowgorod abgeriggert hatten, nun wieder aufriggern mussten. Da aber in Nowgorod alles von uns nummeriert worden war, ging es recht zügig. Relativ ernüchternd gestaltete sich das Rudern auf der Newa. Nicht dass uns die Boote Schwierigkeiten gemacht hätten ( die beherrschten wir nun), es war vielmehr die Newa selber - durch Wind und  Schiffsverkehr ziemlich aufgewühlt - , die es nur schwer möglich machte, die Boote für längere Zeit zum Stehen zu bringen. Dennoch durchruderten wir über zwei Stunden lang die „Bol´schaja Neva“, die „Malaja Neva“ und den „Smolenki Kanal“. Es war nicht einfach, aber wir konnten stolz auf uns sein: Mit dem Ruderboot durch St. Petersburg! So was erzählt man seinen Enkelkindern!
Da natürlich kein Rudertag ohne kulturelles Pendant sein durfte, hatte Ion sich für den Abend etwas ganz Tolles ausgedacht. Besuch des St. Petersburger Balletts mit dem russischen Ballett Klassiker „Schwanensee“! Vida und Hans-Heinrich waren dazu als kleines Dankeschön für all ihre Mühen von den CRClern eingeladen. Dass wir am Abend an dieser Vorstellung teilnehmen konnten, war nicht ganz selbstverständlich, weil nach Erhalt der Tickets aufgefallen war, dass sie ein verkehrtes Datum trugen. Aber Ion und Pe konnten die Agentur überzeugen, dass dies korrigiert werden musste. Somit entspannt  trafen wir erwartungsvoll und edel gewandet im „Aurora Palace“ (gegenüber dem Kanonenboot Aurora) ein. Schon am Einlass fiel auf, dass wir die wahren Exoten im Publikum waren. Dieses hatte nämlich in seiner Mehrheit kein Problem damit, mit Turnschuhen, Jogginghose und Rucksack dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Die Aufführung als solche war insofern historisch interessant, als sie die Kunstauffassung des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelte.
Was aber auch am Ende dieses für Ion nicht ganz stressfreien Tages deutlich wurde, war, welch Leistung er mit Unterstützung von Iris, Wolf und Pe von Anfang bis Ende dieser wunderbaren aber sicherlich nicht ganz einfach zu planenden und durchzuführenden Rudertour vollbracht  hatte. Wolf brachte dies mit treffenden Worten am Schluss der Tour zum Ausdruck, und hier sei noch einmal schriftlich festgestellt: Ion war große Klasse!!

Abschied nehmen
Der Himmel weinte, es regnete an diesem letzten Tag vor der Abreise  in Strömen. Aber wir hatten zwischen 7 und 10 Uhr in der Frühe die Erlaubnis und ergo die Möglichkeit, noch einmal durch St. Petersburg zu rudern. Dass bei dieser Ruderfahrt im Regen keine rechte Freude aufkam, war nur Vorbote der traurigen Nachricht, die uns Pe bei seinem anschließenden Geburtstagsfrühstück überbringen musste: Niki war in der Nacht in Krefeld verstorben. Er hatte uns noch eine Woche zuvor in Nowgorod eine – wie er es nannte-  „Abschiedsrunde“ zukommen lassen.
So war nun der Abschied von St. Petersburg ein doppelter, auch ein Abschied vom langjährigen Teilnehmer dieser Tour, ein Abschied vom Ruderkameraden Niki.

Dirk Peterke

P.S. Der Heimflug am 31.8 verlief reibungslos. Die Teilgruppe, die später nach St. Petersburg gekommen war, holte noch bis zu 2.9. mit Tatjana das nach, was die anderen schon gesehen hatten.


Die Teilnehmer: Iris und Ion Shore, Hildegard und Detlef Noell, Lilo und Rainer von Elten, , Christa Kiebel und Michael Claesges, Gudrun und Klaus Overbeck, Helke und Klaus Bommers, Grille und Immo Jordan, Bärbel und Dirk Peterke, Ute und Pe Vogt, Armin te Neuß, Wolfgang Urban. Vom Ruderclub Hansa Hamburg: Vida und Hans-Heinrich Busse

Autor: Dirk Peterke
Tags: Breitensport | Allgemeines
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